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Berichte 2006
 D.a.  2006 - Nr. 373 » ... aktuell * Rückblick
  

Zwischen Tafelberg und Atlantik - ein halbes Jahr Südafrika
Silke Finkeldei berichtet als Austauschschülerin aus Südafrika

"Was - so weit weg und ist das nicht gefährlich?", war die Reaktion vieler Menschen, als sie erfahren haben, dass ich ein halbes Jahr in Südafrika leben wollte. Eine nicht ganz abwegige Reaktion, wenn man die Geschichte des Landes bedenkt. Südafrika besteht aus neun Provinzen. Es gibt 11 offizielle Landessprachen, allerdings wird hauptsächlich Afrikaans (42%), Xhosa (29%) und Englisch (28%) gesprochen. Die meisten Südafrikaner sind aber zweisprachig aufgewachsen, so dass man mit Englisch gut zurecht kommt. 

Südafrika ist eine 'Regenbogennation', es gibt Schwarze (77%), Coloureds, die Nachfahren weißer Siedler (10%,) und Weiße (9%). Das südlichste Land Afrikas ist auch das reichste Land Afrikas. Die Gegend um Johannesburg und Pretoria (jetzt Tshwane) ist reich an Gold, Diamanten und Bodenschätzen und das Klima ist sehr trocken und heiß. Am Kap allerdings herrscht durch das eher mediterrane Klima die Landwirtschaft vor. Kapstädter spotten oft über die 'Gauties', die Einwohner von Gauteng, als gestresste erhitzte Manager. Der Liedermacher David Kramer hat das in einem Lied so ausgedrückt: They've got the heat, but we've got the beat. 

Erst 1994 wurde mit den ersten demokratischen Wahlen und der Ernennung Nelson Mandelas zum Präsidenten der Schritt zur Demokratie gemacht. Auch wenn letztes Jahr groß 10 Jahre Demokratie gefeiert wurde, mit T-Shirts und Konzerten, hinterlässt die Apartheid doch noch überall ihre Spuren. Auch wenn die meisten Südafrikaner sehr aufgeschlossen und freundlich sind, erfährt man doch als Weiße von vielen noch große Distanz und Anfeindungen. 

Auch wenn es ja eigentlich egal war, wo ich denn wohnen würde (Hauptsache Südafrika), war mein Wunschziel Kapstadt. Nur wenige Wochen vor meiner Abreise habe ich dann endlich Bescheid bekommen: Mein Wunsch wurde wahr und ich würde in Kapstadt wohnen, einer der schönsten Städte der Welt. Kapstadt ist die älteste Stadt Südafrikas. Sie wurde 1652 durch Jan van Riebeek gegründet und ist somit ein Jahr älter als New York. Sie hat 3,2 Mio. Einwohner, etwa die Hälfte davon sind Coloureds (48%), gefolgt von Schwarzen (32%) und einer Minderheit Weißer (19%). Kapstadt und die Provinz Western Cape ist somit die einzige Region Südafrikas, in der Schwarze nicht die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Für viele stellt Kapstadt die schönste Stadt der Welt dar. In den USA wurde sie gerade erst zum Top-Ziel in Afrika und in England zur besten Stadt der Welt gekürt. 

Und ich kann mich nur anschließen: Sandstrände, Fruchthaine, Weinberge - und das wichtigste, der Tafelberg. Ohne den "Hoerikwaggo', den Berg an der See, wie die Khoi den Berg nannten, wäre Kapstadt doch nur eine ganz normale Hafenstadt. Selbst nach mehr als vier Monaten hier hat der Berg immer noch eine faszinierende Wirkung auf mich und selbst alteingesessene Kapstädter. Man ist immer wieder aufs Neue beeindruckt, wenn man morgens am Tafelberg vorbeifährt und die Wolken eine dünne Decke auf dem Plateau ausbreiten, oder wenn abends das leicht nach innen gewölbte Gebirgsmassiv kunstvoll beleuchtet wird. Der Tafelberg ist nicht nur das Wahrzeichen, er ist die Seele der Stadt. Fragt man einen Kapstädter nach dem Weg, wird er wohl so anfangen "Mit dem Rücken zum Berg gehst du dann…." Doch es gibt mehr als nur die natürlichen Highlights der Stadt. Robben Island, die Gefängnisinsel, auf der Nelson Mandela 18 Jahre seiner Haftstrafe verbracht hat, die Townships und das Rathaus mit der Grand Parade, wo Mandela nach 26 Jahren Haft seine erste Rede in Freiheit gehalten hat. Das sind nur einige der vielen politischen Sehenswürdigkeiten, dazu kommen der botanische Garten Kirtenbosch, die lebendige Waterfront und zahlreiche Museen. Doch auch das ist nur ein kleiner Teil von Südafrika. Das touristische Kapstadt ist doch noch sehr anders als das Leben in diesem Land. 

Ich muss zugeben, vor meiner Abreise hatte ich doch viele Zweifel. Leben in einem so anderen Land, mit anderen Leuten, einer anderen Sprache und ohne Familie und Freunde - man kann sich gut vorstellen, der Abschied war tränenreich. Aber als ich in Frankfurt auf die restlichen Südafrika - Austauschschüler traf, hat sich rausgestellt, dass wir doch alle die gleichen Sorgen und Ängste hatten. Wie würde die Gastfamilie sein? Würden wir mit Englisch und dazu noch Afrikaans zurecht kommen? Wie ist die Schule? Da ich als einzige in Kapstadt war, alle anderen Austauschschüler sind nun in Johannesburg oder Durban, war der letzte Flug nach Kapstadt sehr nervenaufreibend. Da keiner da war, mit dem man kurz vor dem Treffen mit der Gastfamilie noch mal reden konnte, konnte ich den Landeanflug auf Kapstadt nicht wirklich genießen. Zu groß war die Nervosität und Unsicherheit. 

Doch schon bei dem ersten Treffen mit meiner Familie für die nächsten sechs Monate waren meine Zweifel wie weggewischt. Meine Familie hat mir ein so warmes Willkommen bereitet, dass an Heimweh erstmal gar nicht zu denken war. Klar, der erste Abend ist nicht einfach, aber das geht vorbei. Meine Familie ist Coloured und besteht aus Jeremy, meinem Vater, Steffie, meiner Mutter, und meinen zwei Schwestern, Scjarrey, 18 Jahre alt, und Summer, 16. Die ersten Wochen waren nicht sehr ruhig. Ich konnte mich langsam an die neue Umgebung und die neuen Leute gewöhnen. Aber ich war ja nicht zur Entspannung da. Der 'Ernst des Lebens' sollte bald beginnen: die Schule.

Das südafrikanische Schulsystem ist vergleichbar mit dem britischen. Alle Schüler tragen eine Uniform und es werden Schulgebühren bezahlt. Es gibt nur sechs Fächer pro Schuljahr. Nach 12 Jahren machen die Schüler ihren Abschluss, Matric, der einer besseren mittleren Reife entspricht. Schule dauert normalerweise bis ca. 15.00, danach gibt es an vielen Schulen Freizeitangebote, wie Kricket, Netball, Rugby oder Theater. Schließlich kam der erste Tag an meiner neuen Schule, Queens Park High School. Fertig angezogen mit Uniform und Krawatte brachte mich meine Mutter zur Schule. Ich denke, meine Nervosität konnte man mir ansehen. Aber auch hier wurden meine Ängste nicht bestätigt. Ich habe einen Mentor bekommen, und sie hat mir alles gezeigt. In den ersten Tagen hat sie mir die Räume gezeigt und mich Lehrern und Schülern vorgestellt. Auch wenn ich dachte, dass ich mich in der Schule nie zurecht finden würde, habe ich doch schon bald meine Klassenräume gefunden. 

Da ich fast die einzige Weiße an der Schule war, und dazu noch der erste Austauschschüler, waren die ersten Tage zwar wie im Zoo, aber die Schüler gewöhnten sich bald an mich. Auch die Spitznamen Milky und Whitey wurden immer weniger. Schon an meinem dritten Tag musste ich in der wöchentlichen Assembly eine Rede halten. Da noch nie ein Austauschschüler an dieser Schule war, waren natürlich alle interessiert, was ich überhaupt mache. Meine Angst, vor der gesamten Schule zu sprechen, und dann noch in Englisch, zu überwinden, hat erst einmal einige Kraft gekostet, aber am Ende war alles doch halb so schlimm. 

Das nächste größere Hindernis kam mit den Abschlussprüfungen im November. Das Schuljahr ist mit dem Kalenderjahr identisch, also waren dies die letzten Prüfungen im Schuljahr. Der gesamte Unterrichtsinhalt des Schuljahres wurde abgefragt. Für mich hieß das, stapelweise Notizen von Lehrern einzusammeln und innerhalb kürzester Zeit zu verstehen und zu lernen. Dank der Unterstützung der Lehrer und Schüler habe ich aber trotzdem die Prüfungen sehr gut gemeistert. In der Grammatik - Klausur in Englisch hatte ich sogar das beste Ergebnis in der gesamten Stufe! Meine Schulzeit hier war wirklich sehr schön. Die Lehrer und Schüler waren alle sehr interessiert . Viele Südafrikaner sind schon bei dem Wort Europa hellhörig. Ich war froh, durch Referate und Gespräche mit vielen Vorurteilen aufräumen zu können. Eine der dümmsten Fragen, die mir gestellt wurde, war aber sicherlich "Magst du Hitler?". Schockierend, dass das nicht nur einmal vorgekommen ist… Ich wurde auch zum Abschlussball der Matrics eingeladen, was sehr viel Spaß gemacht hat. 

Allerdings hatte meine Schule in der Zeit hier auch einige Schwierigkeiten. Kurz vor den Abschlussprüfungen war die finanzielle Lage der Schule so schlecht, dass in Frage stand, ob überhaupt Papier für die Prüfungen gestellt werden kann. Da die Schule früher vollständig weiß war, bekommt sie jetzt weniger Geld vom Staat als schwarze Schulen, auch wenn die Schüler mittlerweile fast vollständig schwarz oder coloured sind. Meine Eltern in Dedinghausen hatten auf diese Information hin kurzfristig beschlossen, bei ihrem jährlich stattfindenden Adventskaffee Geld für die Schule zu sammeln. So sind mehr als 500 Euro zusammengekommen, was der Schule sicherlich eine große Hilfe sein wird. 

Doch natürlich bestand meine Zeit hier nicht nur aus Schule. Meine Familie hat jede freie Minute genutzt um mir mehr von Kapstadt und der Umgebung zu zeigen. So waren wir in Hermanus, um Wale zu beobachten (allerdings erwischten wir einen schlechten Tag und es waren keine Wale in Sicht). Außerdem ist mein Gastopa mit meinen Schwestern und mir um die Kap-Halbinsel gefahren. Auch die Kirstenbosch Botanical Gardens wurden wir gezeigt. Doch auch die weniger schönen 'Sehenswürdigkeiten' wurden mir gezeigt : die townships von Kapstadt, in denen Schwarze in kleinen Blechhütten meist ohne Strom und Wasser wohnen, und Robben Island, die Gefängnisinsel. Als ich das District Six Museum besuchte, konnte ich meinen Augen und Ohren kaum glauben. Im Jahre 1966 hat man alle Einwohner des District Six aus ihren Häusern vertrieben. Auch meine Gastfamilie wurde damals aus ihrem Haus vertrieben. Alle Häuser wurden abgerissen und das Viertel sollte nur für weiße Kapstädter freigegeben werden. Nur Kirchen und Moscheen blieben stehen. Man benannte das Gebiet sogar um - unpassenderweise in Zonnebloem (Sonnenblume). Erst im Jahre 2000 kam es zu einer Einigung und viele ehemalige Bewohner durften zurückkehren. Doch immer noch erinnert vieles an die Niedermachung - so ist der District Six der einzige Stadtteil in der Innenstadt, in dem immer noch große Flächen unbebaut sind. 

Anfang Dezember haben hier die großen Sommerferien angefangen. Das gibt mir natürlich Zeit, die Stadt zu erkunden. Tagsüber sicher genug, kann man die Innenstadt zu Fuß erkunden oder mit Minibustaxis mit bis zu 18 Personen in einem kleinen Van gequetscht aber billig herumfahren. Natürlich steht die Sicherheitsfrage immer im Vordergrund. Man sollte kein Handy mit zur Schule nehmen: wenn es sich vermeiden lässt, sollte man nicht alleine nach Hause oder zur Hauptstraße gehen, und seine Tasche sollte man immer eng an sich tragen. Auch meine Gastmutter ist immer sehr besorgt und bevor ich irgendwo alleine hingehen möchte, muss sie genau wissen, wo, wann und mit wem ich unterwegs bin. Auch checkt sie immer mindestens dreifach ab, ob ich auch wirklich weiß, welches Taxi ich nehmen muss und wo das Taxi steht; dass ich nicht in ein leeres Taxi steige und nicht in eins, wo nur Männer drin sind. Aber besonders, da ich ihre einzige 'weiße Tochter' bin, ist diese Übervorsichtigkeit nur verständlich. Doch wenn man sich an diese Verhaltensregeln erstmal gewöhnt hat, kann man sich gemütlich in der Stadt umsehen und vom "Kap-Koma" mitreißen lassen. 

Unter dem Kap-Koma leidet zwangsläufig die Zuverlässigkeit der Kapstädter. Fast alles hat bis morgen Zeit und an einem heißen Tag gehen viele doch lieber an den Strand als zur Arbeit. Den Spottnamen 'Schlappstadt' nimmt man doch gerne in Kauf. Doch diese Gelassenheit hat auch schlechte Seiten. An windstillen Tagen ist oft eine braune Smog-Glocke über der Innenstadt zu erkennen. Gemacht wird dagegen nichts - man verlässt sich lieber auf den 'Kapdoktor', den starken Südwind, der zwar die Smog-Glocke verschwinden lässt, aber auch dafür sorgt, dass immer mehr Plastiktüten herumfliegen (besonders reinlich sind die Kapstädter nämlich nicht). Doch da jetzt bald Weihnachten ansteht, kommen die Kapstädter in festliche Stimmung. Für mich stellt sich das eher schwierig raus, da ich es doch nicht gewohnt bin, bei 28 Grad im Schatten Weihnachtslieder zu singen. Doch auch daran gewöhnt man sich und als die Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt angemacht wurde, kamen doch selbst bei mir ein paar festliche Gefühle auf. 

Jetzt ist mein Aufenthalt hier schon fast vorbei und es sind nur noch ein paar Wochen bis zum Abflug. Weihnachten und ein Besuch in Pretoria stehen noch an, und natürlich der Besuch meiner deutschen Eltern, und Ende Januar werde ich aus dem südafrikanischen Hochsommer wieder in den kalten deutschen Winter fliegen. Wenn mich jetzt jemand fragt, wie mir mein Aufenthalt gefallen hat, wüsste ich nicht, was ich antworten sollte. Dieses halbe Jahr hat so viele Erfahrungen gebracht, dass es in einem kurzen Satz gar nicht auszudrücken ist. Ich habe nicht nur mein Englisch aufbessern können, sondern konnte auch in einer ganz anderen, völlig unterschiedlichen Kultur leben. Ich habe wunderbare Menschen kennen gelernt. Meine 'zweite Familie' und meine südafrikanischen Freunde haben mir viel von ihrer Kultur gezeigt und ich konnte ihnen auch etwas von meiner Kultur zeigen. Ich habe die Möglichkeit bekommen, ein faszinierendes Land mit interessanten Menschen und eine wunderschöne Stadt kennen zu lernen. Alle Erfahrungen, positive und negative, überraschende und auch schockierende, haben dazu beigetragen, dass dieses halbe Jahr unvergesslich war. Niemand kann mir meine Erfahrungen je nehmen. 

Auch wenn es nicht immer leicht war und Heimweh doch schon mal aufgekommen ist, hatte ich ein wundervolles halbes Jahr, das mir so viel gebracht hat, dass ich es jetzt bestimmt noch gar nicht realisiere. Es ging wahnsinnig schnell vorbei, und auch, wenn ich mich freue wieder in Dedinghausen bei meiner Familie und meinen Freunden zu sein, werde ich meine zweite Heimat doch sehr vermissen. Südafrika hat mehr zu bieten als nur Rassismus und Apartheid, man muss nur den Mut haben, gegen die Vorurteile zu arbeiten. Ich hoffe, ich konnte in diesen sechs Monaten einen Anfang machen. 

An dieser Stelle bleibt für mich wohl nur, meinen Eltern und meiner Familie für ihre Unterstützung zu danken, ohne die dieses wunderbare halbe Jahr nicht möglich gewesen wäre. Ich hoffe, ich kann irgendwann hierher zurückkommen und ich weiß, dass ich immer jemanden habe, zu dem ich kommen kann, wenn ich wieder im Land bin.

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 Erstellt am: 26.01.2006 (RC)

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