"Was - so weit weg
und ist das nicht gefährlich?", war die Reaktion vieler Menschen,
als sie erfahren haben, dass ich ein halbes Jahr in Südafrika leben
wollte. Eine nicht ganz abwegige Reaktion, wenn man die Geschichte des
Landes bedenkt. Südafrika besteht aus neun Provinzen. Es gibt 11
offizielle Landessprachen, allerdings wird hauptsächlich Afrikaans (42%),
Xhosa (29%) und Englisch (28%) gesprochen. Die meisten Südafrikaner sind
aber zweisprachig aufgewachsen, so dass man mit Englisch gut zurecht
kommt.
Südafrika ist eine 'Regenbogennation', es gibt Schwarze (77%),
Coloureds, die Nachfahren weißer Siedler (10%,) und Weiße (9%). Das
südlichste Land Afrikas ist auch das reichste Land Afrikas. Die Gegend um
Johannesburg und Pretoria (jetzt Tshwane) ist reich an Gold, Diamanten und
Bodenschätzen und das Klima ist sehr trocken und heiß. Am Kap allerdings
herrscht durch das eher mediterrane Klima die Landwirtschaft vor.
Kapstädter spotten oft über die 'Gauties', die Einwohner von Gauteng,
als gestresste erhitzte Manager. Der Liedermacher David Kramer hat das in
einem Lied so ausgedrückt: They've got the heat, but we've got the beat.
Erst 1994 wurde mit den ersten demokratischen Wahlen und der Ernennung
Nelson Mandelas zum Präsidenten der Schritt zur Demokratie gemacht. Auch
wenn letztes Jahr groß 10 Jahre Demokratie gefeiert wurde, mit T-Shirts
und Konzerten, hinterlässt die Apartheid doch noch überall ihre Spuren.
Auch wenn die meisten Südafrikaner sehr aufgeschlossen und freundlich
sind, erfährt man doch als Weiße von vielen noch große Distanz und
Anfeindungen.
Auch wenn es ja eigentlich egal war, wo ich denn wohnen
würde (Hauptsache Südafrika), war mein Wunschziel Kapstadt. Nur wenige
Wochen vor meiner Abreise habe ich dann endlich Bescheid bekommen: Mein
Wunsch wurde wahr und ich würde in Kapstadt wohnen, einer der schönsten
Städte der Welt. Kapstadt ist die älteste Stadt Südafrikas. Sie wurde
1652 durch Jan van Riebeek gegründet und ist somit ein Jahr älter als
New York. Sie hat 3,2 Mio. Einwohner, etwa die Hälfte davon sind
Coloureds (48%), gefolgt von Schwarzen (32%) und einer Minderheit Weißer
(19%). Kapstadt und die Provinz Western Cape ist somit die einzige Region
Südafrikas, in der Schwarze nicht die Mehrheit der Bevölkerung stellen.
Für viele stellt Kapstadt die schönste Stadt der Welt dar. In den USA
wurde sie gerade erst zum Top-Ziel in Afrika und in England zur besten
Stadt der Welt gekürt.
Und ich kann mich nur anschließen: Sandstrände,
Fruchthaine, Weinberge - und das wichtigste, der Tafelberg. Ohne den
"Hoerikwaggo', den Berg an der See, wie die Khoi den Berg nannten,
wäre Kapstadt doch nur eine ganz normale Hafenstadt. Selbst nach mehr als
vier Monaten hier hat der Berg immer noch eine faszinierende Wirkung auf
mich und selbst alteingesessene Kapstädter. Man ist immer wieder aufs
Neue beeindruckt, wenn man morgens am Tafelberg vorbeifährt und die
Wolken eine dünne Decke auf dem Plateau ausbreiten, oder wenn abends das
leicht nach innen gewölbte Gebirgsmassiv kunstvoll beleuchtet wird. Der
Tafelberg ist nicht nur das Wahrzeichen, er ist die Seele der Stadt. Fragt
man einen Kapstädter nach dem Weg, wird er wohl so anfangen "Mit dem
Rücken zum Berg gehst du dann…." Doch es gibt mehr als nur die
natürlichen Highlights der Stadt. Robben Island, die Gefängnisinsel, auf
der Nelson Mandela 18 Jahre seiner Haftstrafe verbracht hat, die Townships
und das Rathaus mit der Grand Parade, wo Mandela nach 26 Jahren Haft seine
erste Rede in Freiheit gehalten hat. Das sind nur einige der vielen
politischen Sehenswürdigkeiten, dazu kommen der botanische Garten
Kirtenbosch, die lebendige Waterfront und zahlreiche Museen. Doch auch das
ist nur ein kleiner Teil von Südafrika. Das touristische Kapstadt ist doch
noch sehr anders als das Leben in diesem Land.
Ich muss zugeben, vor
meiner Abreise hatte ich doch viele Zweifel. Leben in einem so anderen
Land, mit anderen Leuten, einer anderen Sprache und ohne Familie und
Freunde - man kann sich gut vorstellen, der Abschied war tränenreich.
Aber als ich in Frankfurt auf die restlichen Südafrika -
Austauschschüler
traf, hat sich rausgestellt, dass wir doch alle die gleichen Sorgen und
Ängste hatten. Wie würde die Gastfamilie sein? Würden wir mit Englisch
und dazu noch Afrikaans zurecht kommen? Wie ist die Schule? Da ich als
einzige in Kapstadt war, alle anderen Austauschschüler sind nun in
Johannesburg oder Durban, war der letzte Flug nach Kapstadt sehr
nervenaufreibend. Da keiner da war, mit dem man kurz vor dem Treffen mit
der Gastfamilie noch mal reden konnte, konnte ich den Landeanflug auf
Kapstadt nicht wirklich genießen. Zu groß war die Nervosität und
Unsicherheit.
Doch schon bei dem ersten Treffen mit meiner Familie für
die nächsten sechs Monate waren meine Zweifel wie weggewischt. Meine
Familie hat mir ein so warmes Willkommen bereitet, dass an Heimweh erstmal
gar nicht zu denken war. Klar, der erste Abend ist nicht einfach, aber das
geht vorbei. Meine Familie ist Coloured und besteht aus Jeremy, meinem
Vater, Steffie, meiner Mutter, und meinen zwei Schwestern, Scjarrey, 18
Jahre alt, und Summer, 16. Die ersten Wochen waren nicht sehr ruhig. Ich
konnte mich langsam an die neue Umgebung und die neuen Leute gewöhnen.
Aber ich war ja nicht zur Entspannung da. Der 'Ernst des Lebens' sollte
bald beginnen: die Schule.
Das südafrikanische Schulsystem ist
vergleichbar mit dem britischen. Alle Schüler tragen eine Uniform und es
werden Schulgebühren bezahlt. Es gibt nur sechs Fächer pro Schuljahr.
Nach 12 Jahren machen die Schüler ihren Abschluss, Matric, der einer
besseren mittleren Reife entspricht. Schule dauert normalerweise bis ca.
15.00, danach gibt es an vielen Schulen Freizeitangebote, wie Kricket,
Netball, Rugby oder Theater. Schließlich kam der erste Tag an
meiner neuen Schule, Queens Park High School. Fertig angezogen mit Uniform
und Krawatte brachte mich meine Mutter zur Schule. Ich denke, meine
Nervosität konnte man mir ansehen. Aber auch hier wurden meine Ängste
nicht bestätigt. Ich habe einen Mentor bekommen, und sie hat mir alles
gezeigt. In den ersten Tagen hat sie mir die Räume gezeigt und mich
Lehrern und Schülern vorgestellt. Auch wenn ich dachte, dass ich mich in
der Schule nie zurecht finden würde, habe ich doch schon bald meine
Klassenräume gefunden.
Da ich fast die einzige Weiße an der Schule
war, und dazu noch der erste Austauschschüler, waren die ersten Tage zwar
wie im Zoo, aber die Schüler gewöhnten sich bald an mich. Auch die
Spitznamen Milky und Whitey wurden immer weniger. Schon an meinem dritten
Tag musste ich in der wöchentlichen Assembly eine Rede halten. Da noch
nie ein Austauschschüler an dieser Schule war, waren natürlich alle
interessiert, was ich überhaupt mache. Meine Angst, vor der gesamten
Schule zu sprechen, und dann noch in Englisch, zu überwinden, hat erst
einmal einige Kraft gekostet, aber am Ende war alles doch halb so schlimm.
Das nächste größere Hindernis kam mit den Abschlussprüfungen im
November. Das Schuljahr ist mit dem Kalenderjahr identisch, also waren
dies die letzten Prüfungen im Schuljahr. Der gesamte Unterrichtsinhalt
des Schuljahres wurde abgefragt. Für mich hieß das, stapelweise Notizen
von Lehrern einzusammeln und innerhalb kürzester Zeit zu verstehen und zu
lernen. Dank der Unterstützung der Lehrer und Schüler habe ich aber
trotzdem die Prüfungen sehr gut gemeistert. In der Grammatik - Klausur in
Englisch hatte ich sogar das beste Ergebnis in der gesamten Stufe! Meine
Schulzeit hier war wirklich sehr schön. Die Lehrer und Schüler waren
alle sehr interessiert . Viele Südafrikaner sind schon bei dem Wort
Europa hellhörig. Ich war froh, durch Referate und Gespräche mit vielen
Vorurteilen aufräumen zu können. Eine der dümmsten Fragen, die mir
gestellt wurde, war aber sicherlich "Magst du Hitler?".
Schockierend, dass das nicht nur einmal vorgekommen ist… Ich wurde auch
zum Abschlussball der Matrics eingeladen, was sehr viel Spaß gemacht hat.
Allerdings hatte meine Schule in der Zeit hier auch einige
Schwierigkeiten. Kurz vor den Abschlussprüfungen war die finanzielle
Lage der Schule so schlecht, dass in Frage stand, ob überhaupt Papier
für die Prüfungen gestellt werden kann. Da die Schule früher
vollständig weiß war, bekommt sie jetzt weniger Geld vom Staat als
schwarze Schulen, auch wenn die Schüler mittlerweile fast vollständig
schwarz oder coloured sind. Meine Eltern in Dedinghausen hatten auf diese
Information hin kurzfristig beschlossen, bei ihrem jährlich
stattfindenden Adventskaffee Geld für die Schule zu sammeln. So sind mehr
als 500 Euro zusammengekommen, was der Schule sicherlich eine große Hilfe
sein wird.
Doch natürlich bestand meine Zeit hier nicht nur aus Schule.
Meine Familie hat jede freie Minute genutzt um mir mehr von Kapstadt und
der Umgebung zu zeigen. So waren wir in Hermanus, um Wale zu beobachten
(allerdings erwischten wir einen schlechten Tag und es waren keine Wale in
Sicht). Außerdem ist mein Gastopa mit meinen Schwestern und mir um die
Kap-Halbinsel gefahren. Auch die Kirstenbosch Botanical Gardens wurden wir
gezeigt. Doch auch die weniger schönen 'Sehenswürdigkeiten' wurden mir
gezeigt : die townships von Kapstadt, in denen Schwarze in kleinen
Blechhütten meist ohne Strom und Wasser wohnen, und Robben Island, die
Gefängnisinsel. Als ich das District Six Museum besuchte, konnte ich
meinen Augen und Ohren kaum glauben. Im Jahre 1966 hat man alle Einwohner
des District Six aus ihren Häusern vertrieben. Auch meine Gastfamilie
wurde damals aus ihrem Haus vertrieben. Alle Häuser wurden abgerissen und
das Viertel sollte nur für weiße Kapstädter freigegeben werden. Nur
Kirchen und Moscheen blieben stehen. Man benannte das Gebiet sogar um -
unpassenderweise in Zonnebloem (Sonnenblume). Erst im Jahre 2000 kam es zu
einer Einigung und viele ehemalige Bewohner durften zurückkehren. Doch
immer noch erinnert vieles an die Niedermachung - so ist der District Six
der einzige Stadtteil in der Innenstadt, in dem immer noch große Flächen
unbebaut sind.
Anfang Dezember haben hier die großen Sommerferien
angefangen. Das gibt mir natürlich Zeit, die Stadt zu erkunden. Tagsüber
sicher genug, kann man die Innenstadt zu Fuß erkunden oder mit
Minibustaxis mit bis zu 18 Personen in einem kleinen Van gequetscht aber
billig herumfahren. Natürlich steht die Sicherheitsfrage immer im
Vordergrund. Man sollte kein Handy mit zur Schule nehmen: wenn es sich
vermeiden lässt, sollte man nicht alleine nach Hause oder zur
Hauptstraße gehen, und seine Tasche sollte man immer eng an sich tragen.
Auch meine Gastmutter ist immer sehr besorgt und bevor ich irgendwo
alleine hingehen möchte, muss sie genau wissen, wo, wann und mit wem ich
unterwegs bin. Auch checkt sie immer mindestens dreifach ab, ob ich auch
wirklich weiß, welches Taxi ich nehmen muss und wo das Taxi steht; dass
ich nicht in ein leeres Taxi steige und nicht in eins, wo nur Männer drin
sind. Aber besonders, da ich ihre einzige 'weiße Tochter' bin, ist diese
Übervorsichtigkeit nur verständlich. Doch wenn man sich an diese
Verhaltensregeln erstmal gewöhnt hat, kann man sich gemütlich in der
Stadt umsehen und vom "Kap-Koma" mitreißen lassen.
Unter dem
Kap-Koma leidet zwangsläufig die Zuverlässigkeit der Kapstädter. Fast
alles hat bis morgen Zeit und an einem heißen Tag gehen viele doch lieber
an den Strand als zur Arbeit. Den Spottnamen 'Schlappstadt' nimmt man doch
gerne in Kauf. Doch diese Gelassenheit hat auch schlechte Seiten. An
windstillen Tagen ist oft eine braune Smog-Glocke über der Innenstadt zu
erkennen. Gemacht wird dagegen nichts - man verlässt sich lieber auf den
'Kapdoktor', den starken Südwind, der zwar die Smog-Glocke verschwinden
lässt, aber auch dafür sorgt, dass immer mehr Plastiktüten herumfliegen
(besonders reinlich sind die Kapstädter nämlich nicht). Doch da jetzt
bald Weihnachten ansteht, kommen die Kapstädter in festliche Stimmung.
Für mich stellt sich das eher schwierig raus, da ich es doch nicht
gewohnt bin, bei 28 Grad im Schatten Weihnachtslieder zu singen. Doch auch
daran gewöhnt man sich und als die Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt
angemacht wurde, kamen doch selbst bei mir ein paar festliche Gefühle
auf.
Jetzt ist mein Aufenthalt hier schon fast vorbei und es
sind nur noch ein paar Wochen bis zum Abflug. Weihnachten und ein Besuch
in Pretoria stehen noch an, und natürlich der Besuch meiner deutschen
Eltern, und Ende Januar werde ich aus dem südafrikanischen Hochsommer
wieder in den kalten deutschen Winter fliegen. Wenn mich jetzt jemand
fragt, wie mir mein Aufenthalt gefallen hat, wüsste ich nicht, was ich
antworten sollte. Dieses halbe Jahr hat so viele Erfahrungen gebracht,
dass es in einem kurzen Satz gar nicht auszudrücken ist. Ich habe nicht
nur mein Englisch aufbessern können, sondern konnte auch in einer ganz
anderen, völlig unterschiedlichen Kultur leben. Ich habe wunderbare
Menschen kennen gelernt. Meine 'zweite Familie' und meine
südafrikanischen Freunde haben mir viel von ihrer Kultur gezeigt und ich
konnte ihnen auch etwas von meiner Kultur zeigen. Ich habe die
Möglichkeit bekommen, ein faszinierendes Land mit interessanten Menschen
und eine wunderschöne Stadt kennen zu lernen. Alle Erfahrungen, positive
und negative, überraschende und auch schockierende, haben dazu
beigetragen, dass dieses halbe Jahr unvergesslich war. Niemand kann mir
meine Erfahrungen je nehmen.
Auch wenn es nicht immer leicht war und
Heimweh doch schon mal aufgekommen ist, hatte ich ein wundervolles halbes
Jahr, das mir so viel gebracht hat, dass ich es jetzt bestimmt noch gar
nicht realisiere. Es ging wahnsinnig schnell vorbei, und auch, wenn ich
mich freue wieder in Dedinghausen bei meiner Familie und meinen Freunden
zu sein, werde ich meine zweite Heimat doch sehr vermissen. Südafrika hat
mehr zu bieten als nur Rassismus und Apartheid, man muss nur den Mut
haben, gegen die Vorurteile zu arbeiten. Ich hoffe, ich konnte in diesen
sechs Monaten einen Anfang machen.
An dieser Stelle bleibt für mich wohl
nur, meinen Eltern und meiner Familie für ihre Unterstützung zu danken,
ohne die dieses wunderbare halbe Jahr nicht möglich gewesen wäre. Ich
hoffe, ich kann irgendwann hierher zurückkommen und ich weiß, dass ich
immer jemanden habe, zu dem ich kommen kann, wenn ich wieder im Land bin.