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Berichte 2007
 D.a.  2007 - Nr. 384 » ... aktuell * Rückblick
  

Die Gaststätte Schulte-Nünnerich als Irrenhaus...
Amateurtheatergruppe 'Vorhang auf' präsentiert die Posse 'Einer spinnt immer'

(LW) "Und wo bekommen wir jetzt die ganzen Irren her?" - "Na die sind doch alle schon hier!" Und damit fliegt ein vielsagender Blick in Richtung Publikum..."

Das dritte Stück der Theatergruppe "Vorhang auf" aus Dedinghausen verspricht die Lachmuskeln der Zuschauer auf ein Neues zu strapazieren", verkündet das Programmblatt, welches feinsäuberlich auf jedem Stuhl des Theatersaals Schulte-Nünnerich liegt. Endlich ist es so weit, das Warten hat ein Ende - "Vorhang auf" präsentiert ihr 3. Stück "Einer spinnt immer". 

Diesmal beginnt die Theatergruppe jedoch gleich mit einer Sensation, bevor die Premiere wortwörtlich überhaupt erst über die Bühne gegangen ist: alle sechs Veranstaltungen sind schon vorher ausverkauft. Dass sie aus Begeisterungsgründen eine Zusatzveranstaltung auf die Beine stellen mussten, daran waren die Mitwirkenden ja schon gewöhnt, aber jetzt blieb dem Regisseur Ingo Euler nichts anderes mehr übrig als diese ‚Umstände' bei der Premierenbegrüßung als "größtes Kompliment, was man uns überhaupt machen kann" zu bezeichnen. 

Beim ersten Mal boten sie uns ein Lustspiel, dann einen Schwank und nun eine Posse in 3 Akten, welches zunächst von dem Multitalent Ingo Euler als "noch etwas verrückter" erklärt und später durch zahlreiche Lacher bestätigt wurde. Um also mit der Beschreibung des Programmpamphlets zu sprechen: Die Lachmuskeln wurden ordentlich auf die Probe gestellt! Das wohlbekannte Erkennungslied am Anfang und das "Theater, Theater..." konnte losgehen. 

Otto Ofenloch alias Ulrich Hagenhoff ist ein vermögender Privatier, der unbedingt eine Irrenanstalt von innen kennen lernen möchte. Sein Neffe Ottfried Ofenloch alias Ingo Euler ist in die Nichte der Pensionsinhaberin Liselotte Ballermann alias Marianne Husemann verliebt. Seine Angebetete ist Sieglinde und wird von Stefanie Schulte gespielt. Otto Ofenloch bekommt nun von seinem Neffen und Sieglinde vorgeschwindelt, dass die Pension Ballermann eine solche Heilanstalt ist. Wenn man sich den Namen der Pension einmal auf der Zunge zergehen lässt, scheint dies ja auch gar nicht so abwegig. Die ‚Insassen', also die eigentlichen Gäste, unterstützen den Eindruck allerdings auch wo sie nur können. 

Der Major Egon von Schönborn alias Gerry Hagenhoff, der weitgereiste Abenteurer Julius Ludwig alias Roland Christ, die allzu neugierige Schriftstellerin Christine Frank alias Petra Müting, der Möchtegernschauspieler und Neffe von Lieselotte Ballermann Ladislaus Locke alias Martin Meyer, die mannstolle Pensionsbesitzerin Florence Wipperling alias Maria Edler, ihr schwuler Bruder Detlef Wipperling alias Guido Hagenhoff und die ebenso mannstolle Ria Baleno alias Kristin Hatscher machen ihm wirklich schwer zu schaffen. Sie erwecken tatsächlich mit ihren eigentümlichen Charakteren den Eindruck, als ob sie ‚nicht ganz richtig im Kopf' wären. 

Betrachtet man jeden ‚Irren' einzeln, so kommt einem jeder wirklich leicht skurril vor. Die meisten Namen sorgen schon für Lacher seitens des Publikums. Vorne voran Lieselotte Ballermann, die Mieterin der Pension Ballermann, die von Anfang an von ihrer Nichte und deren Verehrer hinters Licht geführt wird. Sie ist gegen die Idee ihre Pension als Irrenanstalt zu verkaufen und ahnt nicht, was hinter ihrem Rücken passiert. Brillant und äußerst amüsant ist das Zusammenspiel zwischen ihr und ihrem Neffen Ladislaus Locke, dem sie aufgrund seines Sprachfehlers verbietet Schauspieler zu werden. 

Dabei fällt die schauspielerische Leistung von Martin Meier im Besonderen auf. Zwar meint er auf Nachfrage ganz professionell, dass sein Text genauso ‚leicht' bzw. ‚schwer' zu lernen gewesen wäre, wie alle anderen Texte, jedoch kommt es dem Zuschauer schon sehrherausragend vor, wenn er konsequent anstelle jedes L's ein n sagt. So stellt der Möchtegernschauspieler - und man beachte hier bitte, dass sich dies ausschließlich auf seine Rolle bezieht und nicht böse gemeint ist - sich selbst stets als Nadisnaus Nocke vor, da ihm das L einst bei den Worten "Ich liebe dich" abhanden gekommen ist. Wie durch ein Wunder wird er gegen Ende des Stücks dann bei den gleichen Worten geheilt.

Eine etwas, aber wirklich nur etwas ruhigere Rolle spielt diesmal Maria Edler mit ihrer Figur Florence Wipperling, die mannstolle und etwas verschmähte Vermieterin, die die Ballermanns doch ziemlich auf dem Kieker hat. Die Anreden für die aufgeweckte, stets strahlende Schauspielerin mit exklusiver Gestik und Mimik variieren von Witterling über Widerling bis hin zu Zitterding oder Bitterding und sorgen für böse Blicke seitens Florence Wipperling und für großes Gelächter aus dem Publikum. 

Meistens tritt die knallrot gekleidete Dame mit ihrem Bruder Detlef auf, der keinen Hehl aus seiner etwas, wie heißt es doch im Stück so schön, ‚warmen' Neigung macht. Ein viel zu knappes Top und eine betont tiefsitzende Hose, dazu ausreichend geschminkte Augen und der ‚tuffige' Gang bringen das Publikum im wahrsten Sinne des Wortes zum Brüllen. Perfekt spielt Guido Hagenhoff diesen jungen schwulen Mann und setzt stereotype Klischees gekonnt ein, um dem Motto seiner Rolle gerecht zu werden: "Lieber schwul und lebensfroh, als verklemmt und hetero!" 

Die etwas eigene Schriftstellerin Christine Frank, die von Petra Müting klasse gespielt wird, wirkt auf Otto Ofenloch ebenfalls nicht gerade normal. Dies erreicht sie mit gut herübergebrachtem Wortwitz, übertriebenen neugierigen Blicken über ihre Lesebrille hinaus und dem Drang ständig und immer alles aufschreiben und es für ihr neues Buch verwenden zu müssen. Da wundert es niemanden mehr, dass ihr neues Buch über "den Irrsinn der Welt" gehen soll. Jedem, den sie trifft, verspricht sie, ihn als außerordentliche Rolle in ihrem Buch zu verarbeiten, so auch Otto Ofenloch, der auch sie für eine Insassin der Irrenanstalt hält und einen sehr passenden Kommentar zu ihr hat: "Das kann ja was werden, wenn eine Verrückte über Irrsinn schreibt!"

Als ihn dann der Major Egon von Schönborn alias Gerry Hagenhoff noch zu einem Duell mit Waffen herausfordert und ihn der Abenteurer Julius Ludwig alias Roland Christ, der mit unheimlicher Bühnenpräsenz glänzt, auf eine mysteriöse Reise einlädt, ist es um den betuchten Privatier geschehen. Er will nur noch nach Hause. 

Besonders der Major und der Abenteurer müssen zusätzlich noch mit zahlreichen Angeboten der heiratswütigen Frauen zurechtkommen, welches sie mit leidenschaftlichen Blicken bravourös meistern. Ria Baleno alias Kristin Hatscher bildet sich dabei als hartnäckigste Konkurrentin der Wipperling heraus. Herrlich sind die Schimpfattacken, die von einer Dame zur Anderen wandern. In ihren prächtigen Erscheinungsweisen bezüglich ihrer Kostüme tun sie sich kaum etwas. Beide versuchen sich sowohl an Farbe als auch an schnippischen Sprüchen zu übertrumpfen, welches bei dem Publikum auch sehr gut ankommt. 

Dagegen wirkt die sanfte Liebesgeschichte zwischen Sieglinde alias Stefanie Schulte und Ottfried Ofenloch alias Ingo Euler richtig süß. Sie überwinden schließlich Sieglindes Schwärmerei für den schwulen Detlef und überzeugen das Publikum schließlich mit einer sagenhaften Kussszene, die natürlich genauso professionell gespielt ist, wie das ganze ‚irre' Theater um sie herum. 

Bleibt gegen Ende natürlich noch derjenige zu erwähnen, für den dieses ‚Irrenhaus' überhaupt erst inszeniert wird: Otto Ofenloch. Wie jedes Mal, wenn er auf die Bühne tritt, begeistert dieser Mann einfach nur. Er lebt seine Rolle, so dass ihm wirklich jeder im Publikum abnimmt, dass er selbst nachher eigentlich der ist, der langsam aber sicher verrückt wird. Besonders seine Mimik stimmt schlicht und einfach immer, so dass es das reinste Vergnügen ist ihm auf der Bühne zuzusehen. Als er am Ende das Stück mit den Worten "Nie im Neben besuche ich wieder eine Heinanstant!" schließt, hat er sich so in Rage gespielt, dass keiner verwundert wäre, wenn er auch im richtigen Leben keinen Fuß mehr in eine Irrenanstalt setzen würde.

So hatte "Vorhang auf" eine rundum gelungene Premiere mit nicht seltenem Szenenapplaus zu feiern. Leichte Anfangsunsicherheiten waren schnell beseitigt und so darf sich jeder freuen, der für dieses Stück eine Karte ergattert hat! 

Zum Schluss bleibt nur noch ein Kritikpunkt, der unbedingt noch angebracht werden muss: Leider hatte das Stück doch einige Längen - nämlich die Pausen, man muss einfach zu lange voll Spannung warten, womit es endlich weitergeht.

D.a.-Online im Bilde

 
siehe auch:
Urmen: 'Neck-mich' 
 
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 Erstellt am: 03.02.2007 (RC)

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