(LW) "Und wo
bekommen wir jetzt die ganzen Irren her?" - "Na die sind doch
alle schon hier!" Und damit fliegt ein vielsagender Blick in Richtung
Publikum..."
Das dritte Stück der
Theatergruppe "Vorhang auf" aus Dedinghausen verspricht die
Lachmuskeln der Zuschauer auf ein Neues zu strapazieren", verkündet
das Programmblatt, welches feinsäuberlich auf jedem Stuhl des
Theatersaals Schulte-Nünnerich liegt. Endlich ist es so weit, das Warten
hat ein Ende - "Vorhang auf" präsentiert ihr 3. Stück
"Einer spinnt immer".
Diesmal beginnt die
Theatergruppe jedoch gleich mit einer Sensation, bevor die Premiere
wortwörtlich überhaupt erst über die Bühne gegangen ist: alle sechs
Veranstaltungen sind schon vorher ausverkauft. Dass sie aus
Begeisterungsgründen eine Zusatzveranstaltung auf die Beine stellen
mussten, daran waren die Mitwirkenden ja schon gewöhnt, aber jetzt blieb
dem Regisseur Ingo Euler nichts anderes mehr übrig als diese ‚Umstände'
bei der Premierenbegrüßung als "größtes Kompliment, was man uns
überhaupt machen kann" zu bezeichnen.
Beim ersten Mal boten
sie uns ein Lustspiel, dann einen Schwank und nun eine Posse in 3 Akten,
welches zunächst von dem Multitalent Ingo Euler als "noch etwas
verrückter" erklärt und später durch zahlreiche Lacher bestätigt
wurde. Um also mit der Beschreibung des Programmpamphlets zu sprechen: Die
Lachmuskeln wurden ordentlich auf die Probe gestellt! Das wohlbekannte
Erkennungslied am Anfang und das "Theater, Theater..." konnte
losgehen.
Otto Ofenloch alias
Ulrich Hagenhoff ist ein vermögender Privatier, der unbedingt eine
Irrenanstalt von innen kennen lernen möchte. Sein Neffe Ottfried Ofenloch
alias Ingo Euler ist in die Nichte der Pensionsinhaberin Liselotte
Ballermann alias Marianne Husemann verliebt. Seine Angebetete ist
Sieglinde und wird von Stefanie Schulte gespielt. Otto Ofenloch bekommt
nun von seinem Neffen und Sieglinde vorgeschwindelt, dass die Pension
Ballermann eine solche Heilanstalt ist. Wenn man sich den Namen der
Pension einmal auf der Zunge zergehen lässt, scheint dies ja auch gar
nicht so abwegig. Die ‚Insassen', also die eigentlichen Gäste,
unterstützen den Eindruck allerdings auch wo sie nur können.
Der Major Egon von
Schönborn alias Gerry Hagenhoff, der weitgereiste Abenteurer Julius
Ludwig alias Roland Christ, die allzu neugierige Schriftstellerin
Christine Frank alias Petra Müting, der Möchtegernschauspieler und Neffe
von Lieselotte Ballermann Ladislaus Locke alias Martin Meyer, die
mannstolle Pensionsbesitzerin Florence Wipperling alias Maria Edler, ihr
schwuler Bruder Detlef Wipperling alias Guido Hagenhoff und die ebenso
mannstolle Ria Baleno alias Kristin Hatscher machen ihm wirklich schwer zu
schaffen. Sie erwecken tatsächlich mit ihren eigentümlichen Charakteren
den Eindruck, als ob sie ‚nicht ganz richtig im Kopf' wären.
Betrachtet man jeden
‚Irren' einzeln, so kommt einem jeder wirklich leicht skurril vor. Die
meisten Namen sorgen schon für Lacher seitens des Publikums. Vorne voran
Lieselotte Ballermann, die Mieterin der Pension Ballermann, die von Anfang
an von ihrer Nichte und deren Verehrer hinters Licht geführt wird. Sie
ist gegen die Idee ihre Pension als Irrenanstalt zu verkaufen und ahnt
nicht, was hinter ihrem Rücken passiert. Brillant und äußerst amüsant
ist das Zusammenspiel zwischen ihr und ihrem Neffen Ladislaus Locke, dem
sie aufgrund seines Sprachfehlers verbietet Schauspieler zu werden.
Dabei fällt die
schauspielerische Leistung von Martin Meier im Besonderen auf. Zwar meint
er auf Nachfrage ganz professionell, dass sein Text genauso ‚leicht'
bzw. ‚schwer' zu lernen gewesen wäre, wie alle anderen Texte, jedoch
kommt es dem Zuschauer schon sehrherausragend vor, wenn er konsequent
anstelle jedes L's ein n sagt. So stellt der Möchtegernschauspieler - und
man beachte hier bitte, dass sich dies ausschließlich auf seine Rolle
bezieht und nicht böse gemeint ist - sich selbst stets als Nadisnaus
Nocke vor, da ihm das L einst bei den Worten "Ich liebe dich"
abhanden gekommen ist. Wie durch ein Wunder wird er gegen Ende des Stücks
dann bei den gleichen Worten geheilt.
Eine etwas, aber
wirklich nur etwas ruhigere Rolle spielt diesmal Maria Edler mit ihrer
Figur Florence Wipperling, die mannstolle und etwas verschmähte
Vermieterin, die die Ballermanns doch ziemlich auf dem Kieker hat. Die
Anreden für die aufgeweckte, stets strahlende Schauspielerin mit
exklusiver Gestik und Mimik variieren von Witterling über Widerling bis
hin zu Zitterding oder Bitterding und sorgen für böse Blicke seitens
Florence Wipperling und für großes Gelächter aus dem Publikum.
Meistens tritt die
knallrot gekleidete Dame mit ihrem Bruder Detlef auf, der keinen Hehl aus
seiner etwas, wie heißt es doch im Stück so schön, ‚warmen' Neigung
macht. Ein viel zu knappes Top und eine betont tiefsitzende Hose, dazu
ausreichend geschminkte Augen und der ‚tuffige' Gang bringen das
Publikum im wahrsten Sinne des Wortes zum Brüllen. Perfekt spielt Guido
Hagenhoff diesen jungen schwulen Mann und setzt stereotype Klischees
gekonnt ein, um dem Motto seiner Rolle gerecht zu werden: "Lieber
schwul und lebensfroh, als verklemmt und hetero!"
Die etwas eigene
Schriftstellerin Christine Frank, die von Petra Müting klasse gespielt
wird, wirkt auf Otto Ofenloch ebenfalls nicht gerade normal. Dies erreicht
sie mit gut herübergebrachtem Wortwitz, übertriebenen neugierigen
Blicken über ihre Lesebrille hinaus und dem Drang ständig und immer
alles aufschreiben und es für ihr neues Buch verwenden zu müssen. Da
wundert es niemanden mehr, dass ihr neues Buch über "den Irrsinn der
Welt" gehen soll. Jedem, den sie trifft, verspricht sie, ihn als
außerordentliche Rolle in ihrem Buch zu verarbeiten, so auch Otto
Ofenloch, der auch sie für eine Insassin der Irrenanstalt hält und einen
sehr passenden Kommentar zu ihr hat: "Das kann ja was werden, wenn
eine Verrückte über Irrsinn schreibt!"
Als ihn dann der Major
Egon von Schönborn alias Gerry Hagenhoff noch zu einem Duell mit Waffen
herausfordert und ihn der Abenteurer Julius Ludwig alias Roland Christ,
der mit unheimlicher Bühnenpräsenz glänzt, auf eine mysteriöse Reise
einlädt, ist es um den betuchten Privatier geschehen. Er will nur noch
nach Hause.
Besonders der Major und
der Abenteurer müssen zusätzlich noch mit zahlreichen Angeboten der
heiratswütigen Frauen zurechtkommen, welches sie mit leidenschaftlichen
Blicken bravourös meistern. Ria Baleno alias Kristin Hatscher bildet sich
dabei als hartnäckigste Konkurrentin der Wipperling heraus. Herrlich sind
die Schimpfattacken, die von einer Dame zur Anderen wandern. In ihren
prächtigen Erscheinungsweisen bezüglich ihrer Kostüme tun sie sich kaum
etwas. Beide versuchen sich sowohl an Farbe als auch an schnippischen
Sprüchen zu übertrumpfen, welches bei dem Publikum auch sehr gut
ankommt.
Dagegen wirkt die
sanfte Liebesgeschichte zwischen Sieglinde alias Stefanie Schulte und
Ottfried Ofenloch alias Ingo Euler richtig süß. Sie überwinden
schließlich Sieglindes Schwärmerei für den schwulen Detlef und
überzeugen das Publikum schließlich mit einer sagenhaften Kussszene, die
natürlich genauso professionell gespielt ist, wie das ganze ‚irre'
Theater um sie herum.
Bleibt gegen Ende
natürlich noch derjenige zu erwähnen, für den dieses ‚Irrenhaus'
überhaupt erst inszeniert wird: Otto Ofenloch. Wie jedes Mal, wenn er auf
die Bühne tritt, begeistert dieser Mann einfach nur. Er lebt seine Rolle,
so dass ihm wirklich jeder im Publikum abnimmt, dass er selbst nachher
eigentlich der ist, der langsam aber sicher verrückt wird. Besonders
seine Mimik stimmt schlicht und einfach immer, so dass es das reinste
Vergnügen ist ihm auf der Bühne zuzusehen. Als er am Ende das Stück mit
den Worten "Nie im Neben besuche ich wieder eine Heinanstant!"
schließt, hat er sich so in Rage gespielt, dass keiner verwundert wäre,
wenn er auch im richtigen Leben keinen Fuß mehr in eine Irrenanstalt
setzen würde.
So hatte "Vorhang
auf" eine rundum gelungene Premiere mit nicht seltenem Szenenapplaus
zu feiern. Leichte Anfangsunsicherheiten waren schnell beseitigt und so
darf sich jeder freuen, der für dieses Stück eine Karte ergattert
hat!
Zum Schluss bleibt nur
noch ein Kritikpunkt, der unbedingt noch angebracht werden muss: Leider
hatte das Stück doch einige Längen - nämlich die Pausen, man muss
einfach zu lange voll Spannung warten, womit es endlich weitergeht.