Zurück zum Inhalt
Berichte 2003
 D.a.  2003 - Nr. 343 » ... aktuell * Rückblick
  

März 2003:
Zwischen frenetischem Karneval und zweifelhaftem Krieg
Ein Kommentar (von Daniel Brink)
 

Ich kann mich nicht in andere Menschen hineinversetzen. Aber wie ergeht es Ihnen in diesen doch sehr rätselhaften, machtlosen, ja traurigen Tagen? Noch vor drei Wochen, am ersten närrischen Wochenende dieses Monats, stand man klatschend und feiernd im Bürgertreff und amüsierte sich mit ausgelassenen Dorfbewohnern und über "jecke" Dorfbewohner. Zwei Tage später zogen verkleidete, fröhliche Kinder singend um die Häuser und sammelten Süßigkeiten. "Ein schöner, lustiger und unterhaltsamer Monatsanfang" werden sicher einige gedacht haben. 

Doch nun sitzen wir zu Beginn des vierten Wochenendes des Monats, abends, wenige vielleicht sogar nachts vor dem Fernseher, schauen ARD, ZDF oder sogar CNN. Es ist gleich, wo man hinzappt, überall die gleichen schrecklichen, furchtbaren grün - schimmernden Nachtbilder über Bagdad, Basra oder Mosul. Man sieht, wie Cruise-Misseles einschlagen, oder B-52 Bomber sich dem Irak nähern. Einige von uns fahren gegebenenfalls bei MSNBC auf einem Panzer der US - Army mit durch die irakische Wüste. 

Spätestens zu diesem Zeitpunkt habe ich mich gefragt, ob ich mich im Kino in einer fiktionalen Welt bewege, oder ob es wirklich wahr ist, dass die USA den Krieg als oskarverdächtiges Unterhaltungsmovie darstellen wollen? In was für einer Welt leben wir eigentlich? Man sucht nach Antworten in diesen Tagen auf viele rätselhafte, bedeutsame und grundsätzliche Fragen. 

Warum und wie kann es den Briten, aber vornehmlich den Amerikanern gestattet sein sich einfach über die UN hinwegzusetzen? Hätten die Inspektoren Blix und El Baradei, wie es wir Deutschen und vor allem die Franzosen, um den engagierten Minister de Villpey, forderten, nicht noch mehr Zeit verdient gehabt? Oder hätte Saddam vielleicht nie sein komplettes Waffenarsenal präsentiert? Was erzähle ich meinen Kindern, wenn sie fragen, warum gibt es Krieg und warum bringen sich Menschen gegenseitig um? Sie haben sicher noch viele Fragen auf die sie zwanghaft eine Antwort suchen, aber diese unter Bergen von Fehlinformationen und im Nebel von Kriegspropaganda nicht endgültig finden. Aber vermutlich wird es auf die letztgestellte Frage wohl nie eine sinnvolle Antwort geben. 

Wenn die USA, insbesondere der ach so ehrwürdige Georg W., von seiner "operation iraqi freedom" spricht, dann mag er vielleicht Recht haben, dass Saddam sein Volk mit schrecklichen diktatorischen Methoden regiert, und ein Regimewechsel gegebenenfalls kurzfristig zur Besserung der politischen Lage und langfristig zur Demokratie auch im Irak führen würde. Doch aus welchem Grund hat sich die USA in nicht gerade vorbildlich demokratischer Manier über den UN-Sicherheitsrat hinweggesetzt? 

Soweit ich mich erinnern kann, hieß es doch in sämtlichen Reden "for the protection of the american people". Haben unsere "amerikanischen Freunde" tatsächlich ihre eigene Sicherheit in Gefahr gesehen? Erst im letzten Moment bekommt diese weltpolizeilich anmaßende Aktion den Slogan "operation iraqi freedom". Nun sind die USA also doch besorgt um das Wohl der irakischen Bevölkerung? Oder steckt hinter all diesem "Geschwafel" vielleicht ein bisschen Konjunkturflaute und Ölgeilheit? 

Je eingehender und intensiver man sich mit der Situation beschäftigt, umso mehr Fragen türmen sich auf. Doch kann man frei behaupten, dass eine Operation der Freiheit über den Weg des Krieges doch sehr widersprüchlich erscheint. Andererseits muss das irakische Volk von seiner gewalttätigen und skrupellosen diktatorischen Führung befreit werden. Aber lässt sich Freiheit denn nicht gewaltfrei, mit Diplomatie und Verbalität herbeiführen? Auf diese Frage haben viele tausend, ja sogar Millionen Menschen eine Antwort gefunden und bringen diese in zahlreichen Demonstrationen rund um den Globus, auch in den USA und Großbritannien meist friedlich zum Ausdruck. 

Vielleicht haben auch Sie sich an Demonstrationen für den Frieden beteiligt. Aber mit welchem Ergebnis? Ist die Meinung des Einzelnen, auch wenn er in einer Masse sich bewegt, für einen Oberbefehlshaber der größten Streitmacht der Welt von irgendeiner Bedeutung? Oder zuckt dieser in seinem Wochenenddomizil vielleicht nur mit den Schultern, um zu zeigen, dass er es zu Kenntnis genommen habe. Müsste sich dieser "mächtigste" Mann der Welt noch wundern, wenn man einen Vergleich mit seinem Gegenüber anstellt und auf einige Gemeinsamkeiten trifft? 

So traurig es klingt, sind die Menschen, die in dieser Welt Vernunft und Frieden wünschen, in diesen Tagen enttäuscht, ratlos und trotz ihrer großen Masse und ihres Zusammenhalts schlicht der Machtlosigkeit ausgesetzt.

        
 Erstellt am: 27.03.2003 (RC)

oben Inhalt
© D.a.-Online 1997-2003