Ich
kann mich nicht in andere Menschen hineinversetzen. Aber wie ergeht es
Ihnen in diesen doch sehr rätselhaften, machtlosen, ja traurigen Tagen?
Noch vor drei Wochen, am ersten närrischen Wochenende dieses Monats,
stand man klatschend und feiernd im Bürgertreff und amüsierte sich mit
ausgelassenen Dorfbewohnern und über "jecke" Dorfbewohner. Zwei
Tage später zogen verkleidete, fröhliche Kinder singend um die Häuser
und sammelten Süßigkeiten. "Ein schöner, lustiger und
unterhaltsamer Monatsanfang" werden sicher einige gedacht
haben.
Doch
nun sitzen wir zu Beginn des vierten Wochenendes des Monats, abends,
wenige vielleicht sogar nachts vor dem Fernseher, schauen ARD, ZDF oder
sogar CNN. Es ist gleich, wo man hinzappt, überall die gleichen
schrecklichen, furchtbaren grün - schimmernden Nachtbilder über Bagdad,
Basra oder Mosul. Man sieht, wie Cruise-Misseles einschlagen, oder B-52
Bomber sich dem Irak nähern. Einige von uns fahren gegebenenfalls bei
MSNBC auf einem Panzer der US - Army mit durch die irakische Wüste.
Spätestens
zu diesem Zeitpunkt habe ich mich gefragt, ob ich mich im Kino in einer
fiktionalen Welt bewege, oder ob es wirklich wahr ist, dass die USA den
Krieg als oskarverdächtiges Unterhaltungsmovie darstellen wollen? In was
für einer Welt leben wir eigentlich? Man sucht nach Antworten in diesen
Tagen auf viele rätselhafte, bedeutsame und grundsätzliche Fragen.
Warum
und wie kann es den Briten, aber vornehmlich den Amerikanern gestattet
sein sich einfach über die UN hinwegzusetzen? Hätten die Inspektoren
Blix und El Baradei, wie es wir Deutschen und vor allem die Franzosen, um
den engagierten Minister de Villpey, forderten, nicht noch mehr Zeit
verdient gehabt? Oder hätte Saddam vielleicht nie sein komplettes
Waffenarsenal präsentiert? Was erzähle ich meinen Kindern, wenn sie
fragen, warum gibt es Krieg und warum bringen sich Menschen gegenseitig
um? Sie haben sicher noch viele Fragen auf die sie zwanghaft eine Antwort
suchen, aber diese unter Bergen von Fehlinformationen und im Nebel von
Kriegspropaganda nicht endgültig finden. Aber vermutlich wird es auf die
letztgestellte Frage wohl nie eine sinnvolle Antwort geben.
Wenn
die USA, insbesondere der ach so ehrwürdige Georg W., von seiner "operation
iraqi freedom" spricht, dann mag er vielleicht Recht haben, dass
Saddam sein Volk mit schrecklichen diktatorischen Methoden regiert, und
ein Regimewechsel gegebenenfalls kurzfristig zur Besserung der politischen
Lage und langfristig zur Demokratie auch im Irak führen würde. Doch aus
welchem Grund hat sich die USA in nicht gerade vorbildlich demokratischer
Manier über den UN-Sicherheitsrat hinweggesetzt?
Soweit
ich mich erinnern kann, hieß es doch in sämtlichen Reden "for the
protection of the american people". Haben unsere "amerikanischen
Freunde" tatsächlich ihre eigene Sicherheit in Gefahr gesehen? Erst
im letzten Moment bekommt diese weltpolizeilich anmaßende Aktion den
Slogan "operation iraqi freedom". Nun sind die USA also doch
besorgt um das Wohl der irakischen Bevölkerung? Oder steckt hinter all
diesem "Geschwafel" vielleicht ein bisschen Konjunkturflaute und
Ölgeilheit?
Je
eingehender und intensiver man sich mit der Situation beschäftigt, umso
mehr Fragen türmen sich auf. Doch kann man frei behaupten, dass eine
Operation der Freiheit über den Weg des Krieges doch sehr
widersprüchlich erscheint. Andererseits muss das irakische Volk von
seiner gewalttätigen und skrupellosen diktatorischen Führung befreit
werden. Aber lässt sich Freiheit denn nicht gewaltfrei, mit Diplomatie
und Verbalität herbeiführen? Auf diese Frage haben viele tausend, ja
sogar Millionen Menschen eine Antwort gefunden und bringen diese in
zahlreichen Demonstrationen rund um den Globus, auch in den USA und
Großbritannien meist friedlich zum Ausdruck.
Vielleicht
haben auch Sie sich an Demonstrationen für den Frieden beteiligt. Aber
mit welchem Ergebnis? Ist die Meinung des Einzelnen, auch wenn er in einer
Masse sich bewegt, für einen Oberbefehlshaber der größten Streitmacht
der Welt von irgendeiner Bedeutung? Oder zuckt dieser in seinem
Wochenenddomizil vielleicht nur mit den Schultern, um zu zeigen, dass er
es zu Kenntnis genommen habe. Müsste sich dieser "mächtigste"
Mann der Welt noch wundern, wenn man einen Vergleich mit seinem Gegenüber
anstellt und auf einige Gemeinsamkeiten trifft?
So
traurig es klingt, sind die Menschen, die in dieser Welt Vernunft und
Frieden wünschen, in diesen Tagen enttäuscht, ratlos und trotz ihrer
großen Masse und ihres Zusammenhalts schlicht der Machtlosigkeit
ausgesetzt.