Zurück zum Inhalt
Berichte 2005
 D.a.  2005 - Nr. 371 » ... aktuell * Rückblick
  

Umeå- eine Stadt zwischen Polarkreis und Europametropole
Annette Angenendt berichtet aus Schweden

"Tut uns leid Frau Angenendt, die Studienplätze für Lund sind alle vergeben. Aber wenn Sie möchten, können wir Ihnen noch einen Platz in Umeå anbieten." Schweigen am anderen Ende der Leitung. Die Gehirnzellen laufen auf Volltouren. "Ümeo", oder besser Umea wie die Deutsche sagte, wo um Himmels Willen liegt das? Mein Gott, eigentlich bist du doch gar nicht so schlecht in Erdkunde, nein die Blöße kann ich mir nicht geben. Fragen kommt nicht in Frage. Schweden?, Finnland?, Norwegen?, Dänemark? aber so wie es die Frau ausgesprochen hat könnte es auch in der Türkei liegen. Egal. No risk no fun. "Ja natürlich, das wäre auch in Ordnung." " Schön, dann kommen Sie doch nächste Woche vorbei und geben die Seiten 1 und 3 der Sokrates Erasmus Bewerbung neu ausgefüllt ab." 

Mit diesem Gespräch Ende April diesen Jahres wurde meine Heimat für ein Semester festgelegt. Ja und ehrlich gesagt muss ich zugeben, dass diese Entscheidung wohl eher falschem Stolz zu verdanken ist, denn ich hatte wirklich so gar keine Ahnung wo dieses Umeå liegen sollte. Aber wozu gibt es das Internet. Noch während die Frau vom Braunschweiger International Office mir weitere Instruktionen gab, hatte ich meinen Computer angemacht. Früher hätte man bestimmt den Atlas zur Hand genommen, heute läuft das jedoch meistens über GoogleTM. Nur ein Problem hat man, egal wo man nachschaut. Wie um Himmels Willen schreibt sich diese ominöse Stadt denn nun. Relativ schnell landete ich auf der Seite www.umea.se

Ah ja, da ich in dem Glauben, ich würde mein Semester in Lund, Schweden verbringen schon einen Schwedischkurs angefangen hatte, war ich mir relativ schnell sicher, dass auch diese Stadt in Schweden liegen müsse. Aber Schweden ist groß mit seinen 449.964 km² Fläche. Also weitersuchen. Warum wird eigentlich nicht auf der Homepage jeder Stadt sofort eine kleine Landkarte angezeigt? Relativ ungeduldig klickte ich mich durch die verschiedenen Themen. Aha, Umeå Universitet. Hört sich doch gut an. Immerhin bin ich Studentin. Endlich nach ein paar weiteren Versuchen fand ich, was ich suchte "Click to see map of Umeå, Europe." Gott sei Dank hat da jemand ein Erbarmen gehabt mit einer unkoordinierten Suchenden. 

Mein erster Gedanke war: Cool am Meer. Ist im Prinzip auch richtig, nur leider hatte ich vergessen zu bedenken, dass Stockholm 1256km nördlich von Dedinghausen liegt und die Stadt der Birken, wie Umeå genannt wird, noch einmal 630 km weiter nördlich. Da ist Ende August der Sommer vorbei, der Herbst recht kurz und dafür der Winter umso länger. Trotzdem bereue ich es keine Sekunde meinem Schicksal vertraut zu haben, das mich in diese Stadt in der Västerbotten Region verschlagen hat. Umeå hat 109000 Einwohner und ist somit tatsächlich eine der größten Städte Schwedens. Die Hauptstadt des Nordens. Um diesem Namen auch gerecht zu werden beherbergt die Stadt zwei Universitäten, die Umeå Universitet mit 25000 Studenten und die SLU (Swedish University of Agricultural Science) mit 6100 Studenten und das riesige Norrlands Universitätskrankenhaus. 

Als ich Mitte August hier ankam, war noch schönstes Sommerwetter und ich bekam sofort einen positiven Eindruck von der Stadt. Meine erste Anlaufstelle, das International Office der Umeå Universität, ist bestens organisiert und alle Mitarbeiter sehr freundlich. Der große Vorteil von Umeå als Austauschuniversität: Man braucht sich nicht selber um eine Wohnung kümmern. Es wird einem am Ankunftstag ein Schlüssel mit Adresse in die Hand gedrückt und schwupp hat man ein neues zu Hause. Die Wohnungssituation der Studenten hier ist recht einfach. Es gibt zwei Stadtteile, in denen 90% aller Studenten wohnen. Die großen Wohnblöcke sind in verschiedene Etagen zu je 8-10 Studenten unterteilt. Die meisten der Etagen haben eine Gemeinschaftsküche und einen Gemeinschaftsraum, so dass man auch sehr schnell Kontakt zu Schweden bekommt. 

So viel Glück hatte ich leider nicht, denn ich habe einen von 5 Fluren erwischt, wo man seine eigene Mini-Küche im Zimmer hat und auf einem Riesenkorridor mit 20 Studenten lebt. Leider lernt man so keinen kennen, so dass ich nach drei Monaten immer noch nicht sagen kann, wer hier mit mir auf einem Flur wohnt. Naja, man kann nicht alles haben. Die Zimmer an sich sind hell, möbliert, mit eigenem Bad ausgestattet und in etwa so teuer wie in Deutschland.In diesem Jahr gibt es ca. 300 Austauschstudenten an der Uni, wovon 80 Deutsche sind. Für uns verantwortlich ist ein so genannter International Koordinator, dessen Job es ist unseren Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu gestalten. 

Alle Studenten sind in 10 Mentorgruppen unterteilt, die von freiwilligen schwedischen Studenten geleitet werden und uns am Anfang sehr geholfen haben, die Stadt und die Gepflogenheiten besser kennen zu lernen. Auf diese Art und Weise hat man auch sehr schnell internationale Freunde kennen gelernt. In regelmäßigem Abstand werden große Veranstaltungen geplant u.a eine 5tägige Reise nach St. Petersburg, die einen Bericht für sich wert wäre, eine 3tägige Reise nach Talin, Kurztrips zu Eishockeyspielen, Zoo oder in den Norden zu einem traditionellen Wintermarkt der Sami, die Ureinwohner Schwedens. Langweilig wird es also nie. 

Der große Vorteil von Schweden ist, dass hier wirklich alle Englisch sprechen. Vom kleinen Kind bis zur betagten Dame. Die Schweden sprechen sogar so gerne Englisch, dass es einem sehr schwer fällt überhaupt Schwedisch zu lernen, obwohl an der Uni kostenlose Kurse angeboten werden. Ein Großteil der Vorlesungen ist in Englisch, so dass vor allem die Spanier, Italiener und Portugiesen die Zeit hier nutzen um hauptsächlich Englisch zu lernen. Das System hier ist ein wenig anders, als das in Deutschland. Das Semester ist noch einmal in zwei Teile unterteilt und in jedem Term belegt man meist nur einen Kurs, der dann jedoch zeitaufwendiger ist. Die Kurse sind klein und die Betreuung durch die Professoren und Assistenten ist sehr gut und viel persönlicher als in Deutschland. 

So ist es nicht selten, dass ein Professor den gesamten Kurs am Ende zu einem Abendessen zu hause bei sich einlädt oder sich bei einer Fika einfach mit dazu setzt. Fika?? Ja, das sagte mir zu Anfang auch nichts, ist aber ein großer Teil der Lebensphilosophie der Schweden. Fika bedeutet eigentlich nichts anderes als einen Kaffee oder Tee trinken und dazu ein Stück Gebäck oder sonstigen Süßkram zu essen. Kaffee ist demnach an der Uni sehr günstig und überall zu bekommen. Diese Fika haben richtige Schweden so ca. 3-10 Mal am Tag. Überall wo man hinkommt, egal in welches Verwaltungsgebäude, irgendeiner hat immer an der Tür stehen: Fika.

Ja, die Gemütlichkeit und Gelassenheit sind Attribute, die definitiv den Schweden zugeschrieben werden können. Für sie ist es völlig normal sich überall in Schlangen anzustellen, weshalb man auch fast überall Nummern ziehen muss wie bei uns auf dem Einwohnermeldeamt. Sei es im Telefonladen, im Bäckerladen, bei der Einwanderungsbehörde oder in der Cafeteria. Hauptsache es bildet sich eine schöne Schlange mit Nummern. Zu Anfang machte mich diese ewige Anstellerei ganz kirre, aber mittlerweile nehme ich das mit derselben Gelassenheit wie die Schweden hin. Trotz dieser Gemütlichkeit legen die Schweden ganz großen Wert auf Pünktlichkeit. Na gut, das ist für die meisten Deutschen hier kein Problem. Jedoch gibt es ja unter den Austauschstudenten auch noch andere Nationen, so dass eigentlich schon absehbar war, dass der Bus nach St. Petersburg anstatt um 6.00 morgens erst um 6.45 gestartet ist, weil ein Trüppchen einer südlichen Nation etwas zu spät kam. 

Aber genau das ist es, was hier soviel Spaß macht, zu beobachten welche Eigenschaften anderen Kulturen mit Recht zugeschrieben werden und welche völlig aus der Luft gegriffen sind. Nicht selten habe ich gedacht, wow, das hab ich jetzt nicht erwartet. So ein Auslandsaufenthalt zeigt einem nicht nur das Gastland sondern fast die ganze Welt auf einmal. Die Stadt an sich hat, obwohl sie so weit abgeschieden zu sein scheint, recht viel zu bieten. Eine Fußgängerzone mit traditionellen schwedischen Häusern eine schöne landschaftliche Umgebung mit Seen und Naturschutzgebieten und verschiedene kulturelle Angebote. Man kann von hier nach Vasa, Finnland mit der Fähre fahren, nach Trondheim oder Mo i Rana in Norwegen oder recht günstig nach Stockholm fliegen. 

Leider hat man von der schönen Natur um diese Jahreszeit nicht mehr viel. Es ist schon wahr, dass die Sonne hier eher untergeht. Um 14.00 dämmert es und um 15.00 ist es dunkel. Die ersten zwei Wochen schlägt einem das schon aufs Gemüt, aber die Schweden stellen überall Lichter und Kerzen auf und letzten Endes gewöhnt man sich einfach daran, so wie an vieles andere auch. Zum Beispiel die Öffnungszeiten der Supermärkte: Mo-So 8-22 Uhr! Oh da lacht das Studentenherz, kein Planen, kein leerer Kühlschrank am Wochenende! Das werde ich definitiv vermissen. 

Nicht vermissen werde ich jedoch den Systembolaget. Hinter dem Begriff Systembolaget verbirgt sich der Versuch der schwedischen Regierung den Alkoholkonsum zu steuern. In den Supermärkten gibt es nur Bier bis 3,5%, etwas Höherprozentiges darf nur im Systembolaget verkauft werden. Jeden Freitagnachmittag wandern also Scharen von Studenten dorthin um sich für das Wochenende einzudecken. Da merkt man erstmal was für ein Luxus so ein Getränkehändler in der Nähe ist, bei dem man kistenweise einkauft und nicht dosenweise! 

Das studentische Nachtleben sieht hier so aus:19-22 Uhr Vorparty mit eigenen Getränken in irgendeiner Korridorküche; 22.30-2.00 Discothek oder Club (2.00 gesetzliche Sperrstunde) und dann noch irgendwo eine Nachparty. Naja, so ganz gefällt mir das ganze nicht und zwar aus mehreren Gründen. Erstens ist der Alkohol hier viel zu teuer, zweitens schmeckt schwedisches Dosenbier einfach nicht, na auch vom Faß schmeckt es nicht wirklich, und drittens rennt man den halben Abend nur von A nach B. Naja, andere Länder andere Sitten und man könnte ja auch zu Hause bleiben, wenn man wirklich wollte. Doch das will eigentlich keiner der Austauschstudenten. Immerhin sind wir nur einmal hier und sind auch nicht hierher gekommen um alles genauso zu machen wie zu Hause. 

Zum Schluss bleibt mir nur zu sagen, dass ich die Umeå Universität jedem Studenten ans Herz legen kann, der plant ein Semester oder Jahr im Ausland zu verbringen. Ich habe nicht eine Sekunde bereut mein Schicksal in meine Unwissenheit gelegt zu haben! Ich wünsche allen D.a Lesern eine schöne Adventszeit und kann Ihnen nur empfehlen es den Schweden gleichzutun und sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen und selbst im größten Trubel die Zeit für eine Fika mit guten Freunden zu finden!

Hälsingar från Sverige! 

Annette Angenendt

 

        
 Erstellt am: 26.11.2005 (RC) 

oben Inhalt
© D.a.-Online 1997-2005