"Tut uns leid Frau
Angenendt, die Studienplätze für Lund sind alle vergeben. Aber wenn Sie
möchten, können wir Ihnen noch einen Platz in Umeå anbieten."
Schweigen am anderen Ende der Leitung. Die Gehirnzellen laufen auf
Volltouren. "Ümeo", oder besser Umea wie die Deutsche sagte, wo
um Himmels Willen liegt das? Mein Gott, eigentlich bist du doch gar nicht
so schlecht in Erdkunde, nein die Blöße kann ich mir nicht geben. Fragen
kommt nicht in Frage. Schweden?, Finnland?, Norwegen?, Dänemark? aber so
wie es die Frau ausgesprochen hat könnte es auch in der Türkei liegen.
Egal. No risk no fun. "Ja natürlich, das wäre auch in
Ordnung." " Schön, dann kommen Sie doch nächste Woche vorbei
und geben die Seiten 1 und 3 der Sokrates Erasmus Bewerbung neu
ausgefüllt ab."
Mit diesem Gespräch
Ende April diesen Jahres wurde meine Heimat für ein Semester festgelegt.
Ja und ehrlich gesagt muss ich zugeben, dass diese Entscheidung wohl eher
falschem Stolz zu verdanken ist, denn ich hatte wirklich so gar keine
Ahnung wo dieses Umeå liegen sollte. Aber wozu gibt es das Internet. Noch
während die Frau vom Braunschweiger International Office mir weitere
Instruktionen gab, hatte ich meinen Computer angemacht. Früher hätte man
bestimmt den Atlas zur Hand genommen, heute läuft das jedoch meistens
über GoogleTM. Nur ein Problem hat man, egal wo man nachschaut. Wie um
Himmels Willen schreibt sich diese ominöse Stadt denn nun. Relativ
schnell landete ich auf der Seite www.umea.se.
Ah ja, da ich in dem
Glauben, ich würde mein Semester in Lund, Schweden verbringen schon einen
Schwedischkurs angefangen hatte, war ich mir relativ schnell sicher, dass
auch diese Stadt in Schweden liegen müsse. Aber Schweden ist groß mit
seinen 449.964 km² Fläche. Also weitersuchen. Warum wird eigentlich
nicht auf der Homepage jeder Stadt sofort eine kleine Landkarte angezeigt?
Relativ ungeduldig klickte ich mich durch die verschiedenen Themen. Aha,
Umeå Universitet. Hört sich doch gut an. Immerhin bin ich Studentin.
Endlich nach ein paar weiteren Versuchen fand ich, was ich suchte "Click
to see map of Umeå, Europe." Gott sei Dank hat da jemand ein
Erbarmen gehabt mit einer unkoordinierten Suchenden.
Mein erster Gedanke
war: Cool am Meer. Ist im Prinzip auch richtig, nur leider hatte ich
vergessen zu bedenken, dass Stockholm 1256km nördlich von Dedinghausen
liegt und die Stadt der Birken, wie Umeå genannt wird, noch einmal 630 km
weiter nördlich. Da ist Ende August der Sommer vorbei, der Herbst recht
kurz und dafür der Winter umso länger. Trotzdem bereue ich es keine
Sekunde meinem Schicksal vertraut zu haben, das mich in diese Stadt in der
Västerbotten Region verschlagen hat. Umeå hat 109000 Einwohner und ist
somit tatsächlich eine der größten Städte Schwedens. Die Hauptstadt
des Nordens. Um diesem Namen auch gerecht zu werden beherbergt die Stadt
zwei Universitäten, die Umeå Universitet mit 25000 Studenten und die SLU
(Swedish University of Agricultural Science) mit 6100 Studenten und das
riesige Norrlands Universitätskrankenhaus.
Als ich Mitte August
hier ankam, war noch schönstes Sommerwetter und ich bekam sofort einen
positiven Eindruck von der Stadt. Meine erste Anlaufstelle, das
International Office der Umeå Universität, ist bestens organisiert und
alle Mitarbeiter sehr freundlich. Der große Vorteil von Umeå als
Austauschuniversität: Man braucht sich nicht selber um eine Wohnung
kümmern. Es wird einem am Ankunftstag ein Schlüssel mit Adresse in die
Hand gedrückt und schwupp hat man ein neues zu Hause. Die
Wohnungssituation der Studenten hier ist recht einfach. Es gibt zwei
Stadtteile, in denen 90% aller Studenten wohnen. Die großen Wohnblöcke
sind in verschiedene Etagen zu je 8-10 Studenten unterteilt. Die meisten
der Etagen haben eine Gemeinschaftsküche und einen Gemeinschaftsraum, so
dass man auch sehr schnell Kontakt zu Schweden bekommt.
So viel Glück hatte
ich leider nicht, denn ich habe einen von 5 Fluren erwischt, wo man seine
eigene Mini-Küche im Zimmer hat und auf einem Riesenkorridor mit 20
Studenten lebt. Leider lernt man so keinen kennen, so dass ich nach drei
Monaten immer noch nicht sagen kann, wer hier mit mir auf einem Flur
wohnt. Naja, man kann nicht alles haben. Die Zimmer an sich sind hell,
möbliert, mit eigenem Bad ausgestattet und in etwa so teuer wie in
Deutschland.In diesem Jahr gibt es ca. 300 Austauschstudenten an der Uni,
wovon 80 Deutsche sind. Für uns verantwortlich ist ein so genannter
International Koordinator, dessen Job es ist unseren Aufenthalt hier so
angenehm wie möglich zu gestalten.
Alle Studenten sind in
10 Mentorgruppen unterteilt, die von freiwilligen schwedischen Studenten
geleitet werden und uns am Anfang sehr geholfen haben, die Stadt und die
Gepflogenheiten besser kennen zu lernen. Auf diese Art und Weise hat man
auch sehr schnell internationale Freunde kennen gelernt. In regelmäßigem
Abstand werden große Veranstaltungen geplant u.a eine 5tägige Reise nach
St. Petersburg, die einen Bericht für sich wert wäre, eine 3tägige
Reise nach Talin, Kurztrips zu Eishockeyspielen, Zoo oder in den Norden zu
einem traditionellen Wintermarkt der Sami, die Ureinwohner Schwedens.
Langweilig wird es also nie.
Der große Vorteil von
Schweden ist, dass hier wirklich alle Englisch sprechen. Vom kleinen Kind
bis zur betagten Dame. Die Schweden sprechen sogar so gerne Englisch, dass
es einem sehr schwer fällt überhaupt Schwedisch zu lernen, obwohl an der
Uni kostenlose Kurse angeboten werden. Ein Großteil der Vorlesungen ist
in Englisch, so dass vor allem die Spanier, Italiener und Portugiesen die
Zeit hier nutzen um hauptsächlich Englisch zu lernen. Das System hier ist
ein wenig anders, als das in Deutschland. Das Semester ist noch einmal in
zwei Teile unterteilt und in jedem Term belegt man meist nur einen Kurs,
der dann jedoch zeitaufwendiger ist. Die Kurse sind klein und die
Betreuung durch die Professoren und Assistenten ist sehr gut und viel
persönlicher als in Deutschland.
So ist es nicht selten,
dass ein Professor den gesamten Kurs am Ende zu einem Abendessen zu hause
bei sich einlädt oder sich bei einer Fika einfach mit dazu setzt. Fika??
Ja, das sagte mir zu Anfang auch nichts, ist aber ein großer Teil der
Lebensphilosophie der Schweden. Fika bedeutet eigentlich nichts anderes
als einen Kaffee oder Tee trinken und dazu ein Stück Gebäck oder
sonstigen Süßkram zu essen. Kaffee ist demnach an der Uni sehr günstig
und überall zu bekommen. Diese Fika haben richtige Schweden so ca. 3-10
Mal am Tag. Überall wo man hinkommt, egal in welches Verwaltungsgebäude,
irgendeiner hat immer an der Tür stehen: Fika.
Ja, die Gemütlichkeit
und Gelassenheit sind Attribute, die definitiv den Schweden zugeschrieben
werden können. Für sie ist es völlig normal sich überall in Schlangen
anzustellen, weshalb man auch fast überall Nummern ziehen muss wie bei
uns auf dem Einwohnermeldeamt. Sei es im Telefonladen, im Bäckerladen,
bei der Einwanderungsbehörde oder in der Cafeteria. Hauptsache es bildet
sich eine schöne Schlange mit Nummern. Zu Anfang machte mich diese ewige
Anstellerei ganz kirre, aber mittlerweile nehme ich das mit derselben
Gelassenheit wie die Schweden hin. Trotz dieser Gemütlichkeit legen die
Schweden ganz großen Wert auf Pünktlichkeit. Na gut, das ist für die
meisten Deutschen hier kein Problem. Jedoch gibt es ja unter den
Austauschstudenten auch noch andere Nationen, so dass eigentlich schon
absehbar war, dass der Bus nach St. Petersburg anstatt um 6.00 morgens
erst um 6.45 gestartet ist, weil ein Trüppchen einer südlichen Nation
etwas zu spät kam.
Aber genau das ist es,
was hier soviel Spaß macht, zu beobachten welche Eigenschaften anderen
Kulturen mit Recht zugeschrieben werden und welche völlig aus der Luft
gegriffen sind. Nicht selten habe ich gedacht, wow, das hab ich jetzt
nicht erwartet. So ein Auslandsaufenthalt zeigt einem nicht nur das
Gastland sondern fast die ganze Welt auf einmal. Die Stadt an sich hat,
obwohl sie so weit abgeschieden zu sein scheint, recht viel zu bieten.
Eine Fußgängerzone mit traditionellen schwedischen Häusern eine schöne
landschaftliche Umgebung mit Seen und Naturschutzgebieten und verschiedene
kulturelle Angebote. Man kann von hier nach Vasa, Finnland mit der Fähre
fahren, nach Trondheim oder Mo i Rana in Norwegen oder recht günstig nach
Stockholm fliegen.
Leider hat man von der
schönen Natur um diese Jahreszeit nicht mehr viel. Es ist schon wahr,
dass die Sonne hier eher untergeht. Um 14.00 dämmert es und um 15.00 ist
es dunkel. Die ersten zwei Wochen schlägt einem das schon aufs Gemüt,
aber die Schweden stellen überall Lichter und Kerzen auf und letzten
Endes gewöhnt man sich einfach daran, so wie an vieles andere auch. Zum
Beispiel die Öffnungszeiten der Supermärkte: Mo-So 8-22 Uhr! Oh da lacht
das Studentenherz, kein Planen, kein leerer Kühlschrank am Wochenende!
Das werde ich definitiv vermissen.
Nicht vermissen werde
ich jedoch den Systembolaget. Hinter dem Begriff Systembolaget verbirgt
sich der Versuch der schwedischen Regierung den Alkoholkonsum zu steuern.
In den Supermärkten gibt es nur Bier bis 3,5%, etwas Höherprozentiges
darf nur im Systembolaget verkauft werden. Jeden Freitagnachmittag wandern
also Scharen von Studenten dorthin um sich für das Wochenende
einzudecken. Da merkt man erstmal was für ein Luxus so ein
Getränkehändler in der Nähe ist, bei dem man kistenweise einkauft und
nicht dosenweise!
Das studentische
Nachtleben sieht hier so aus:19-22 Uhr Vorparty mit eigenen Getränken in
irgendeiner Korridorküche; 22.30-2.00 Discothek oder Club (2.00
gesetzliche Sperrstunde) und dann noch irgendwo eine Nachparty. Naja, so
ganz gefällt mir das ganze nicht und zwar aus mehreren Gründen. Erstens
ist der Alkohol hier viel zu teuer, zweitens schmeckt schwedisches
Dosenbier einfach nicht, na auch vom Faß schmeckt es nicht wirklich, und
drittens rennt man den halben Abend nur von A nach B. Naja, andere Länder
andere Sitten und man könnte ja auch zu Hause bleiben, wenn man wirklich
wollte. Doch das will eigentlich keiner der Austauschstudenten. Immerhin
sind wir nur einmal hier und sind auch nicht hierher gekommen um alles
genauso zu machen wie zu Hause.
Zum Schluss bleibt mir
nur zu sagen, dass ich die Umeå Universität jedem Studenten ans Herz
legen kann, der plant ein Semester oder Jahr im Ausland zu verbringen. Ich
habe nicht eine Sekunde bereut mein Schicksal in meine Unwissenheit gelegt
zu haben! Ich wünsche allen D.a Lesern eine schöne Adventszeit und kann
Ihnen nur empfehlen es den Schweden gleichzutun und sich durch nichts aus
der Ruhe bringen zu lassen und selbst im größten Trubel die Zeit für
eine Fika mit guten Freunden zu finden!
Hälsingar från
Sverige!
Annette Angenendt